Wie geht es dir, wirklich? - Diskriminierungserfahrung tragen

- Über emotionale Erschöpfung, das Funktionieren-Müssen und was hinter „okay“ steckt

Einstieg

„Mir geht es okay.“

Dieser Satz ist trainiert. Er ist sicher. Er schließt Nachfragen ab, bevor sie anfangen. Er sagt: Ich funktioniere. Ich brauche nichts. Ich bin kein Problem.

Aber was steckt dahinter? Was passiert in dem Moment, bevor „okay“ kommt – wenn man kurz überlegt, ob man die Wahrheit sagen kann, und dann entscheidet: besser nicht?

„Okay“ ist häufig keine Antwort.

Es ist ein Schutz.

Das funktionieren-müssen

Viele mehrfachmarginalisierte Menschen lernen früh: Emotionen zeigen kostet. Wer traurig ist, wird als schwach gelesen. Wer wütend ist, wird als gefährlich gelesen. Wer Überwältigung zeigt, wird als überempfindlich abgetan.

Also funktioniert man. Man geht zur Arbeit, hält Termine ein, lächelt auf Fotos. Man trägt weiter, was man trägt – und tut so, als wäre es kein Gewicht.

Das ist kein individuelles Versagen. Es ist eine erlernte Reaktion auf Umgebungen, die keinen Raum für Verletzlichkeit lassen. Psycholog:innen nennen das emotionale Suppression – und sie hat Folgen: für die psychische Gesundheit, für Beziehungen, für das Gefühl, sich selbst zu kennen.

Morgen wird es besser

Dazu kommt oft ein innerer Satz: Morgen früh werde ich es doch besser machen. Morgen bin ich stärker. Morgen halte ich durch. Dieser Satz kann Ressource sein – eine Form von Hoffnung, die trägt.

Er kann aber auch verdecken: Heute war schon genug. Was heute passiert ist, war real. Die Erschöpfung von heute braucht keinen Aufschub bis morgen – sie braucht jetzt Platz.

Diskriminierungserfahrungen zu tragen heißt häufig: sie auch noch unsichtbar zu tragen. Nicht klagen. Nicht zur Last fallen. Weitermachen. Und das ermüdet auf eine Art, die sich schwer benennen lässt – weil sie so normalisiert ist.

Erschöpfung ist keine Schwäche.

Sie ist ein Signal.

Die Frage ist nicht: Warum bin ich so müde?

Sondern: Was trage ich – und seit wann schon alleine?

Was Gesund bedeuten könnte

Gesundheit für Menschen mit Diskriminierungserfahrungen bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krankheit. Sie bedeutet auch: Räume finden, in denen man nicht funktionieren muss. Menschen, denen gegenüber „mir geht es nicht okay“ möglich ist. Sprache für das, was man trägt.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheit als körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden. Das soziale Wohlbefinden – das Gefühl, dazuzugehören, gesehen zu werden, sicher zu sein – ist für viele das Seltenste von allen dreien.

Du musst nicht okay sein.

Du darfst auch erschöpft, wütend, traurig, überwältigt sein.

Alles davon ist echt.

Und alles davon gehört dazu.

von Aro Rakoto

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