Der Mythos der Neutralität

- die Rolle der Zuschauenden

Stell dir vor, jemand wird schlecht behandelt – und die übrigen schauen nur zu. „Ich halte mich raus“, sagen sie. Das wirkt oft nach Harmonie, Ruhe und Ausgleich. In vielen Fällen ist genau das jedoch problematisch. Wenn Menschen keine Stellung beziehen, bleibt in der Regel alles beim Alten. Das heißt: Ungleichstellung und Gewalt bestehen fort. Neutralität ist deshalb nicht bloß „Nicht-Handeln“, sondern eine Entscheidung. Eine Entscheidung, nichts zu ändern.

In einer Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlich viel Macht haben, ist „neutral bleiben“ nie neutral.
Oft bedeutet es, bestehende Strukturen nicht in Frage zu stellen – und sie damit  zu stabilisieren. Das gilt auch für Gewalt, die nicht immer körperlich sichtbar ist: Sie kann psychisch, strukturell und alltäglich sein. Sie zeigt sich etwa durch Ausgrenzung, Abwertung oder Schweigen. Wenn Gewalt geschieht und niemand einschreitet, entsteht ein Raum, in dem sie weiterwirken kann. Neutralität kann dann heißen: Die Gewalt wird nicht unterbrochen.

Politische Entscheidungen und klare Positionen sind deshalb wichtig – nicht nur auf politischer Ebene, sondern im Alltag. Wer spricht? Wer schweigt? Wer greift ein? All das hat Folgen.

Neutralität mag sich sicher anfühlen, kann aber dazu beitragen, dass Gewalt fortbesteht.

von Aro Rakoto

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