Ich, schwarzer Transmann, Sohn, Ehemann, Vater, Enkel…
Über Identität, Beziehungsrollen und das Recht, ganz zu sein
Einstieg
Manche Worte für das, was man ist, kommen von außen. Sohn. Schwiegersohn. Ehemann. Enkel. Sie beschreiben eine Rolle in einem Netz aus Beziehungen – und sie wurden für jemanden erfunden, der nicht genau so aussieht, nicht genau so lebt, nicht genau so ist.
Was passiert, wenn man diese Rollen annimmt – und gleichzeitig weiß, dass sie nicht vollständig passen? Dass man immer ein bisschen übersetzt, anpasst, erklärt? Dass die Liebe in diesen Beziehungen echt ist – und der Raum darin trotzdem manchmal zu eng?
Rollen, die nicht für uns gemacht wurden
Gesellschaftliche Rollen – Sohn, Vater, Ehemann, Bruder – sind historisch an bestimmte Körper, Geschlechter und Herkünfte geknüpft. Schwarze Transmänner besetzen diese Rollen, aber selten auf die Art, die gemeint war.
Das ist kein Scheitern. Es ist eine Form von Neuerfindung – oft still, oft ohne Anerkennung, oft in Beziehungen, die man liebt und die einen gleichzeitig nicht vollständig sehen.
Hinzu kommt: Schwarzsein und Transidentität werden gesellschaftlich häufig getrennt behandelt – in Beratungsangeboten, in Medien, in Forschung. Als wäre es möglich, das eine vom anderen zu trennen. Als wäre die Erfahrung eines schwarzen Transmannes einfach die Summe zweier Kategorien. Sie ist es nicht.
Wer bin ich, wenn alle meine Rollen
für jemand anderen geschrieben wurden?
Und: Wer bin ich trotzdem – oder gerade deshalb?
Das Gewicht der Unsichtbarkeit
Schwarze Transmänner sind in öffentlichen Diskursen selten sichtbar – weder in queeren noch in antirassistischen Bewegungen, die ihre spezifische Erfahrung häufig nicht mitdenken. Diese Unsichtbarkeit hat Folgen: für die Gesundheitsversorgung, für das Selbstbild, für die Möglichkeit, sich in anderen wiederzuerkennen.
Sichtbarkeit bedeutet nicht, zur Repräsentationsfigur zu werden. Sie bedeutet: nicht immer erklären müssen, wer man ist. Räume finden, in denen die eigene Existenz keine Überraschung ist.
Ganz sein
Es gibt Menschen, die alle diese Rollen tragen – Sohn, Schwager, Ehemann, Schwiegersohn, Enkel – und die gleichzeitig wissen: Ich bin mehr als die Summe dieser Wörter. Ich bin auch das, wofür es noch keine Rolle gibt.
Das ist keine Tragik. Das ist auch eine Form von Freiheit. Die Freiheit, sich selbst zu definieren – nicht gegen die Beziehungen, in denen man lebt, sondern jenseits der Kategorien, die für sie erfunden wurden.
Identität ist kein fester Ort.
Sie ist eine Bewegung –
zwischen dem, was andere in uns sehen,
und dem, was wir in uns kennen.
von Aro Rakoto